Die Kriegsjahre in unserer Familie

 

Ende August 1944 wurde auch Gottfried in das Heer eingezogen. Nach einer kurzen Ausbildung wurde er an die Partisanenfront in die Valsugana geschickt.

 

Nanny und ich mussten nun auch noch die schweren Männerarbeiten übernehmen. Zum Glück hatten wir das Korn schon daheim in der Scheune und das Bewässern der Wiesen war auch nicht mehr so dringend notwendig, doch das „Gruamat“ auf den Wiesen und Mösern musste noch gemäht und heimgebracht werden. Das Mähen war für uns zwei eine sehr schwere Arbeit. Doch es gab kein „Wenn und Aber“, die Arbeit musste gemacht werden. Also gingen wir fast jeden Morgen schon in der Morgendämmerung mit unseren Sensen auf die Wiese. Mutter machte die Stallarbeiten und brachte uns dann das Frühstück. Wir mähten meistens bis gegen 10 Uhr, dann musste das Futter vom vorigen Tag umgedreht und am Nachmittag heimgefahren werden.

 

Mit eisernen Willen und dem Einsatz der letzten Kraft, gelang es uns, die Feldarbeiten bis Allerheiligen abzuschließen. Sämtliches Futter war in der Scheune, Kartoffeln, Karotten, Rüben und die Krautköpfe waren im Keller und das Obst, in diesem Jahr 102 Zentner, war beim Obsthändler abgeliefert. Auch der Acker war gepflügt und das Getreide für das nächste Jahr gesät.

 

Nach Allerheiligen holten wir gemeinsam mit unserem Nachbar sein und unser Holz aus dem Walde. Nach Weihnachten halfen unser Nachbar und wir uns gegenseitig beim Getreidetreschen mit den Treschflegel.

 

Auch Mädchen können stark sein

 

Es war im Dezember 1944, als eine Gruppe von Mädchen und Buben unseres Dorfes, im Alter zwischen 13 und 16 Jahren, aufgefordert wurde ins Gemeindeamt zu kommen.

 

Weil niemand wusste, was auf uns zukommen würde, und wir durch böse Erfahrungen misstrauisch und vorsichtig geworden waren, vereinbarten wir, nichts zu unterschreiben. Im Gemeindeamt wurden Mädchen und Buben getrennt. Die Mädchengruppe wurde als erste in die Amtsstube gerufen. Dort empfing uns ein SS-Offizier mit dem Gruß „Heil Hitler“. Dann nahm er ein Schreiben vom Schreibtisch und begann es vorzulesen. Er las über Verpflichtungen, die ein deutsches Mädchen hatte und über Treue. Danach sagte er, dass wir nun das Alter erreicht hätten, in dem wir über uns selbst entscheiden dürften. Darum sollten wir jetzt diesen Akt unterschreiben.

 

Unsere BDM Führerin ergriff die Feder und unterschrieb. Nun sollten wir unterschreiben, doch niemand rührte sich. Entgeistert schaute der Offizier zur Gruppe und fragte, ob wir nicht unterschreiben wollten. Wir erwiderten einstimmig „Nein“. Der SS-Mann traute seinen Ohren nicht. Bisher hatte niemand gewagt, seinen Anordnungen und Befehlen nicht Folge zu leisten. Er versuchte nun, zuerst auf freundliche Art, dann immer ungeduldiger und zorniger, uns zum Unterschreiben zu bewegen. Da niemand zum Unterschreiben bereit war, jagte er uns endlich zur Tür hinaus. Mit den Buben gab es keine Schwierigkeiten. Fleißig unterschrieben sie alle das Dokument. Das Resultat war: Sie mussten in ein Bubenlager und dort eine vormilitärische Ausbildung durchmachen. Unsere BDM-Führerin wurde kurze Zeit später zu einer „Flakabwehrstelle“ einberufen, wo sie bis Kriegsende im Einsatz war. Wir Mädchen durften daheim bleiben und waren auf unsere unerschrockene Einigkeit sehr stolz.

 

Die Tiefflieger

 

Es war der 19. März 1945, das Fest des Hl. Josef. Wie üblich machten wir Mädchen nach der Sonntagsschule beim Hr. Pfarrer einen gemeinsamen Spaziergang. Lachend und erzählend gingen wir in der Straßenmitte aus dem Dorfe hinaus. Das letzte Haus lag ungefähr 30m hinter uns, als wir ein lautes, schneller kommendes, Dröhnen hörten. „Ein Flieger“ riefen wir und stellten uns in die Mitte der Straße und schauten nach oben. Schon flogen im Tiefflug fünf bis sechs Flugzeuge über uns hinweg. Da wurde plötzlich die Haustür des letzten Hauses aufgerissen und ein Soldat, der gerade Heimaturlaub hatte, kam heraus. Zornig rief er uns zu: „lauft weg von der Straße, ihr blöden Gören! Versteht ihr denn nicht, dass dies Tiefflieger sind? Die schießen euch alle tot!“ Wir lachten ihn nur aus, dann beschlossen wir zu ihm zurückzugehen, um ihn zu verhöhnen. Er wollte ein deutscher Soldat sein und hatte schon Angst vor ein paar Tieffliegern? Wir kamen nicht weit, als die Flieger zurückkamen. Jetzt, o Schrecken, begannen sie zu schießen. Oben und unten pfiffen die Kugeln an uns vorbei. Wir begannen zu laufen und kletterten schreiend über die Straßenböschung in eine Obstwiese hinauf. Dort suchten wir nach einem Versteck. Mit unserer Tapferkeit war es vorbei. Meine Freundin und ich krochen in ein leeres Wasserfass. Die Flieger flogen noch ein paar Mal hinauf und hinunter und schossen durch die Äste der Bäume. Erst als es dunkel wurde, getrauten wir uns aus unserem Versteck wieder heraus.

 

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